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Großes Jubiläum beim Gebirgstrachtenerhaltungsverein „Almrösl“ in Saulgrub

Tracht ist nicht gleich Tracht

Tracht ist nicht gleich Tracht

Musikkapelle Saulgrub - wiederum mit teilweise eigener Tracht © Musikkapelle Saulgrub

Es ist schon ein besonderer Moment, wenn ein Trachtenumzug an einem vorüber zieht, aber kaum jemand kennt die Unterschiede in der Tracht. Alles schaut irgendwie gleich aus und doch hat jeder Ort seine eigene Tracht. Somit sieht man jedem Trachtler sofort an seiner Kleidung an, wo er zu Hause ist, zu welchem Verein er gehört.

Es gibt da so viele kleine „Details“ an den Kleidungsstücken, die das zeigen, einige sind z. T. sogar historisch begründet

Joppe Saulgrub

Joppe Saulgrub mit der Eichenlaubstickerei, dem eingefassten Kragen und dem geraden Eichenlaub von oben nach unten © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Die Tracht in Saulgrub schaut z. B. so aus, dass, im Gegensatz zu den Bad Bayersoier Tracht, die Herren graue Joppen tragen. Der Reversekragen ist abgerundet. Darauf sieht man ein Eichenblatt, das von oben nach unten zeigt und relativ gerade ist. Das Eichenlaub findet sich auch weiter in den vielen Stickereien auf der Joppe.

Willi Mayr aus Saulgrub erklärt dann auch, dass es je Ortschaft unterschiedliche "Stulpen" gibt. Sogar der Name dieser Stulpen ist so vielfältig wie deren Aussehen. So heißen diese Stulpen in Oberammergau „Loferl“, in Garmisch „Pfosen“, in Partenkirchen „Hejslan“ oder einfach „Wadlstrümpfe“ (Unterammergau, Altenau, Saulgrub) oder die „Stutzen“ (Saulgrub für die kurze Variante).

Stutzen und Wadlstrümpfe Saulgrub

Stutzen und Wadlstrümpfe in Saulgrub © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Die Saulgruber Wadlstrümpfe waren früher kurz, in weiss mit grünem Muster. Danach kam der Einfluss aus dem benachbarten Rottenbuch und die Strümpfe wurden länger, grau und mit Ranke auf der Rückseite.

Steg Saulgrub

Steg bei den Hosenträgern in Saulgrub, er zeigt das Bayerische Wappen © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Jeder Hosenträger hat einen sog. Steg in der Mitte. Oft wird dort das Ortswappen eingestickt oder ein anderes Symbol. In Saulgrub gibt es das bayerische Wappen – das weiß-blaue Wappen. Warum nun gerade weiß-blau und nicht blau-weiß? Weil ein Wappen von links oben nach rechts unten „gelesen“ wird und sich im bayerischen Wappen dort oben links eine weiße Raute, unten rechts eine blaue Raute befindet (oder Teile davon).

Hut mit Adlerfedern

Hut mit Adlerfedern/Adlerflaum © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Hut mit Gamsbart

Hut mit Gamsbart - meistens getragen zu Feiertagen © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Und der Hut? Der darf auf gaaar keinen Fall fehlen. Hier sieht man entweder den Adlerflaum oder den Gamsbart – beiden Accessoires, die in der Anschaffung nicht ganz billig sind – daher freut sich jeder Trachtler auf ein, ihm vererbtes Stück. Wen es interessiert, echte Adlerfedern (gibt es kaum mehr) liegen bei etwa 700 Euro, ein Gamsbart bei ca. 3.000 Euro. Der Gamsbart wird eher zu den Feiertagen getragen als die Adlerfedern.

Wie sieht nun die Tracht der Trachtenkameraden aus Unterammergauer aus? Gibt es da auch Unterschiede?

Joppe Unterammergau

Joppe Unterammergau mit spitz zulaufenden Reverse, dem zweiblättrigen Eichenlaub und dem wellenförmigen Tascheneingriff © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Diese ist nun wieder ganz anders. Der Reverse läuft spitz zu, die grüne Einfassung fehlt. Dafür ist mehr grün im Eichenlaub – hier gibt es zwei Blattstiele. Ganz wichtig ist der wellenförmige Abschluss der Joppentasche, sagt Willi Mayr. Die Wadlstrümpfe sind kurz, weiss und haben oben grüne Kettenglieder am Rand.

Aber die Bad Bayersoier Tracht, die schaut doch weitgehend gleich aus, oder? Hier hilft Sepp Weingand, Ehrenvorstand des Heimat- und Volkstrachtenverein "Ammertaler Bayersoien". Er schüttelt den Kopf und erklärt:

Joppe Bad Bayersoien

Grüne Bad Bayersoier Joppe mit kleinem Eichenlaub von oben nach unten, gerader Tascheneingriff © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Auf den ersten Blick sieht man, die Joppen sind grün - es sind die einzigen grünen Joppen im Ammertal. Das Eichenblatt verläuft, etwas unscheinbarer, von oben geschwungen nach unten. Der Taschenabschluss ist gerade. Die Joppe hat weit weniger Stickereien als die Saulgruber Tracht.

Die Wadlstrümpfe haben ein Rautenmuster und Wellen. Übrigens ist es „Aufgabe“ der Freundinnen bzw. Ehefrauen, ihren Männern die passenden Wadlstrümpfe zu stricken. Das wird aber immer gerne übernommen und sogar als Ehre angesehen. Und so sitzt das eine oder andere weibliche Wesen ein paar Wochen an dieser Strickerei, und nicht selten wird ein angefangenes Strickstück nochmal aufgetrennt und von vorne begonnen, bis Muster und Maß passen, weiß er und lacht.

Steg Ammertaler BB

Träger-Steg des Heimat- und Volkstrachtenverein "Ammertaler Bayersoien" © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Der „Steg“ bei den Hosenträgern enthält das Dorfwappen – den Abtstab (beim Bischofstab wäre die „Schnecke“ nach rechts), die alte Echelsbacher Brücke und die Wellen für den Soier See.

Steg Oberammergau

Hosenträger-Steg in Oberammergau mit dem Ortswappen © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Die Oberammergauer Trachtler haben ebenfalls das Ortswappen im Steg.

Joppe Oberammergau

Joppe Oberammergau mit Eichenlaub von unten nach oben mit "Schwalbenschwanz"-Taschenrand © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Und hier ist endlich eine Joppe, deren Merkmal ein nach oben zeigendes Eichenlaub ist. Allerdings unterscheidet sich der Taschenabschluss. Er darf wie im benachbarten Unterammergau, da muss er einen „Schwalbenschwanz“ bilden. Dafür sind die „Loferl“ lediglich einfarbig, aber mit aufwändigen Muster gestrickt.

So viele Unterschiede – und doch ist allen eines gemeinsam: Die Liebe zur Tradition. Sie wird von engagierten Trachtler und Trachtlerinnen von Generation zu Generation weitergetragen.

Varianten Joppenkragen

Joppen im Schnellverlgeich: Saulgrub (o.l.), Bad Bayersoien (o.r.), Unterammergau (u.l.) und Oberammergau (u.r.) © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

Strumpfvergleich

Stulpen/Stutzenvergleich: Saulgrub (o.l.), Saulgrub (o.r.), Bad Bayersoien (u.l.) und Oberammergau (u.r) © Ammergauer Alpen GmbH, Ute Oberhauser

 

Schaut es Euch doch selbst einmal an und findet heraus, wer welchem Trachtenverein angehört, aus welcher Ortschaft der Trachtler stammt.

Am Sonntag habt ihr dazu in Saulgrub die passendeGelegenheit. Um 14:00 Uhr startet der Festzug mit den Trachtenkameraden aus dem Ammertal und dem Pfaffenwinkel am Wetzsteinrücken nach der Messe.

Komplettes Festprogramm vom 21.07.-24.01.16

Zur Person

Weingand Sepp

Weingand Sepp

Sepp Weingand ist Ehrenvorstand des Heimat- und Volkstrachtenverein "Ammertaler Bayersoien"

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